Sprache

Der Unterricht

In den Lektionsverzeichnissen ist zu sehen, wann welche Schüler in welchen Fächern unterrichtet wurden. Ein Unterrichtsbeginn um sechs Uhr morgens wäre heute wohl kaum vorstellbar. Eine Schneeballschlacht auf dem Schulhof und deren disziplinarische Folgen, wie sie das Konferenzbuch festhält, könnte man sich schon eher in unserer Gegenwart vorstellen. Die Probleme mit Hans Hermann von Katte zeigen, dass die Erziehung der Kinder oft an deren Eigensinn Grenzen fand. Die Hochvitrine zeigt an mehreren Objekten den praxisnahen Unterricht im Königlichen Pädagogium. Die Schüler hatten Glaslinsen zurechtzufeilen, um damit Fernrohre für den Astronomieunterricht herzustellen. Sie lernten anhand von Modellen und Bildern die Bibel und die Geschichte des Alten Israel kennen. Man errichtete für die Schüler sogar ein Gewächshaus und eine Sternwarte, um sie mit der zeitgenössischen Naturkunde vertraut zu machen.

4.1 „Lectionspläne des Jahres 1794“, Lektionsverzeichnisliste im Interim, 1792–1814

Das Bild zeigt die Lektionspläne des Jahres 1794

AFSt/S A I 120, 216–217

Die „Lectionspläne“ listen auf, welche Fächer im Jahr 1794 unterrichten wurden, wie viele verschiedene Fachklassen es in diesen Fächern gab und welche Schüler diese Klassen jeweils besuchten. So fand täglich von 9.00 – 10.00 Uhr der Lateinunterricht statt. Hierfür gab es sieben Fachklassen, von der „Selecta“ für die besonders sprachkundigen Schüler – hier links oben in der Auflistung zu erkennen – bis zur „Sexta“, in der die elementare Sprachvermittlung betrieben wurde. Die Zuordnung der Schüler zu den Klassen erfolgte ausschließlich auf der Grundlage der gezeigten Leistung, nicht auf Basis des Alters der Kinder. Anders als heute konnten sich also bspw. 9- und 14jährige Jungen in einer Klasse wiederfinden. Seit der Gründung des Königlichen Pädagogiums war Latein lange Jahre für alle Schüler ein Pflichtfach gewesen. Als aber die Zahl der Schulanmeldungen nachließ, ermöglichte man es manchen Schülern, die Schule auch ohne Lateinunterricht besuchen zu können, wenn deren Eltern sich sicher waren, dass ihre Söhne nach der Schule nicht studieren sollten, sondern beispielsweise für den Militärdienst vorbereitet werden sollten. In der unteren Seitenhälfte der Auflistung werden immerhin zwölf Schüler genannt, die als „Nichtlateiner“ vom Lateinunterricht befreit waren.

4.2 In Paedagogio, ca. 1750

Die Planzeichnung zeigt einen Grundriss des Pädagogiums um 1750 mit den Klassenräumen

AFSt/A 08/01/12

Diese kolorierte Zeichnung zeigt die Klassenräume des Königlichen Pädagogiums, in denen der Unterricht stattfand. Die Zeichnung stammt vom Baumeister und Bauverwalter der Franckeschen Stiftungen, Johann Gottlob Angermann, der sie Mitte des 18. Jahrhunderts anfertigte.

In der oberen Bildhälfte zeigt der Grundriss die Klassenräume der Prima, der Großen und der kleinen Secunda sowie der Tertia. In jedem Raum befindet sich die gleiche Ausstattung. Bei den grünen Vierecken links und rechts der Eingänge handelt es sich um die Lehrerpulte. Die braunen und grünen Rechtecke stellen die Bankreihen dar. Jeder Raum verfügt über drei Reihen, welche aus Tisch und Sitzbank zusammengesetzt sind.

In der unteren Bildhälfte zeigt ein Querschnitt ebenfalls die Tische und Sitzbänke in den genannten Klassenzimmern. Hier lässt sich erkennen: die Tische und Sitzbänke sind unterschiedlich hoch. Je näher die Bänke und Stühle am Lehrerpult stehen, desto niedriger sind sie. Größere Schüler saßen demnach in der hinteren Reihe, während kleinere Schüler in der ersten Reihe platziert waren.

Die Zeichnung gibt Aufschluss über ein fortschrittliches Schulkonzept, bei dem individuelle Gegebenheiten wie Alter und Körpergröße der Schüler beachtet und die Schulmöbel eigens dafür angefertigt wurden.

4.3 Verzeichniß der merckwürdigsten Dinge, welche […] in der geordneten wöchentlichen Conferentz vorgebracht, aberedet und beschloßen worden, 1708–1724

Das Bild zeigt einen Auszug aus dem Konferenzbuch des Pädagogiums der Jahre 1708-1724

AFSt/S A I 212, 440

Einmal pro Woche fand am Königlichen Pädagogium eine Lehrerkonferenz statt. Hier kamen die Lehrer zusammen, erhielten Informationen der Schulleitung und sprachen selbst Probleme an. Die Themen waren ganz unterschiedlich: Ob Raumwechsel, Schlägerei auf dem Schulhof oder ‚blau machen‘: Im Konferenzbuch wurden die Themen und Beschlüsse dieser Sitzungen festgehalten. Besonderer Wert wurde offensichtlich auf die Einhaltung der Schulregeln gelegt. Wie gleichberechtigt in den Konferenzen wirklich diskutiert wurde, wissen wir nicht, denn im Konferenzbuch sind nur die Ergebnisse festgehalten. Es diente dazu, dass nachträglich nachgelesen werden konnte, was man vereinbart hatte.

Auf der abgebildeten Seite aus dem Jahr 1720 wird unter Zweitens eine Schneeballschlacht thematisiert. Sie war damals wie auch heute noch auf Schulhöfen nicht erlaubt. Beteiligt war auch der junge Hans Hermann von Katte, mit dem die Lehrer offensichtlich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Zwar sei Katte nach der Schneeballschlacht zurechtgewiesen worden, doch die Lehrer hatten das Gefühl, dass er sie nicht ernstnehme. Er habe sich vielmehr vor Mitschülern gebrüstet, nicht viel Ärger bekommen zu haben.

Unter Drittens scheinen Schüler voneinander abzuzeichnen. Wahrscheinlich bezieht sich dieser Kommentar wirklich auf das „Abzeichnen“, nicht auf „Abschreiben“. Einige haben wohl versucht, im Unterricht die Zeichenübungen zu umgehen, indem sie die Zeichnungen anderer übernehmen. Nun ist für alle klar: „Abzeichnen ist nicht erlaubt!“ Auf der rechten Seite (unter Viertens) wird daran erinnert, dass der Unterricht in einer bestimmten Klasse pünktlich beginnen soll.

Die meisten Einträge sind eher unspektakulär, vermitteln aber ein anschauliches Bild vom Schulalltag im Königlichen Pädagogium.

4.4 „Scenographie des Modells vom ganzen Hierosolymitanischen Tempel, wie sich derselbe nebst seinen Vorhöfen auf der Nord Seiten praesentiret“, in: Christoph Semler: Der Tempel Salomonis, 1718

Das Bild zeigt eine Ansicht des Salomonischen Tempels

BFSt: 65 F 11a

Das Model des Salomonischen Tempels ist heute nicht mehr erhalten. Sie sehen hier aber eine Abbildung des Modells im Kupferstich vor Ihnen. Das etwa drei mal drei Meter große Modell aus Holz entstand in akribischer Arbeit durch Christoph Semler, ein Pädagoge, Theologe und Gründer der ersten deutschen Realschule. Er entwarf sein Modell nach Beschreibungen im Alten Testament und wendete wissenschaftliche Methoden an, um das Gebäude zu rekonstruieren. Semler lieferte mit diesem Modell seinen eigenen Beitrag zu einer theologischen und architektonischen Diskussion über das Aussehen des Tempels, die seit Jahrhunderten und gerade zu Semlers Lebzeiten intensiv geführt wurde.

Die Idee, dass Kinder und Jugendliche besser lernen und verstehen können, wenn Unterricht anschaulich gestaltet ist, erscheint uns heute selbstverständlich. Tatsächlich verdanken wir dieses Prinzip aber einer neuen Form von Pädagogik, die sich im 18. Jahrhundert immer weiter verbreitete, dem sogenannten „Realienunterricht“. Das Königliche Pädagogium nahm hierbei eine Vorbildrolle ein.

Der Tempel Salomons war eines von vielen Modellen, die entwickelt wurden, um komplizierte Themen und Zusammenhänge einfacher verständlich zu machen. So konnten die Schüler den Tempel am Modell aus verschiedenen Perspektiven betrachten und er konnte in vielzählige Einzelteile auseinandergebaut werden, um durch Anschauung zu lernen.

Das Modell wurde aber auch Besuchern der Franckeschen Stiftungen vorgeführt. Hier zeigten sich auch die missionarischen Absichten Christoph Semlers: Für jüdische Besucher, die Interesse am salomonischen Tempel als einem heiligen Ort ihrer Religion hatten, verfasste er in der Vorrede seiner Erläuterung zum Tempel Salomonis eine ausführliche Anleitung, die ihnen die christliche Interpretation nahebringen sollte. Hier äußerte er die Hoffnung, dass die Betrachtung seines Modells jüdische Besucher zum Christentum bekehren könnte.

4.5 Fernrohr, zerlegt in Einzelteile, ca. 1720–1740

Ein länglicher Hohlkörper aus Pappe, an dem eine Glaslinse befestigt ist: Was aussieht wie ein relativ simples Objekt, bedeutete viel Aufwand und Arbeit für die Schüler des Königlichen Pädagogiums. Das Schleifen von Glas zur Herstellung von Linsen für Fernrohre war Bestandteil des Unterrichts. An speziellen Schleifmaschinen hatten die Schüler das teuer importierte Glas in die exakt richtige Form zu bringen. Dazu brauchte es viel technisches Wissen, Geschick und Erfahrung. Wenn die Linse dann zugeschliffen war, konnte das Fernrohr mit Pappe aus der eigenen Papiermanufaktur fertiggestellt werden. Als Lohn für die getane Arbeit war den Schülern dann ein Blick in den Nachthimmel möglich. Dies diente wiederum dem Unterricht der Physik und Astronomie.

Am Königlichen Pädagogium wurden Schüler darauf vorbereitet, sich an Fürstenhöfen zu bewegen und gesellschaftlich hohe Stellungen einzunehmen. Man sollte nicht denken, dass Handwerk dabei eine große Rolle spielte. Die Arbeit mit den eigenen Händen galt aber als ein Zeichen von Fleiß und Tugend – auch für hohe Amtsträger, Minister und Grafen. Im sogenannten „Recreationsunterricht“ sollte zudem durch körperliche Bewegung das Gemüt erfrischt werden, ohne dass die Schüler unnütz oder gar unbeaufsichtigt waren. Die Bewegung der Schüler galt als wichtiger Ausgleich. Eine Vielzahl von Aktivitäten wurden deshalb in den Lehrplan eingebunden, ob nun die Arbeit mit Werkzeugen beim Schleifen und Drechseln, oder auch die Beschäftigung mit Pflanzenzucht im Gewächshaus oder die Botanik bei beaufsichtigten Spaziergängen.

4.6 Der Bau der Sternwarte oder Quadranten-Hauses des Pädagogii, sine dato

Das Bild zeigt einen Querschnitt der Sternwarte des Pädagogiums

AFSt/W XV I 32

Ein rechteckiger Bau, ein spitzer Turmgiebel, oben ein Dach, das man auf und zuschieben kann: Was in der Zeichnung zunächst aussieht wie ein einfacher Turm, war der Entwurf der Sternwarte des Königlichen Pädagogiums. Sie wurde am Ende des Siebenjährigen Kriegs errichtet – ob allerdings in dieser exakten Form ist unklar.

Die Sternwarte war errichtet worden, damit Schüler den Himmel mit eigenen Augen vermessen konnten. Über eine enge Wendeltreppe gelangten die Schüler auf die obere Plattform. Dort stand ein Azimutal-Quadrant. Dabei handelt es sich um ein astronomisches Messgerät, mit dem die Schüler die Bahnen der Sterne und Planeten verfolgen konnten. Es war ein für seine Zeit sehr kostbares und hochmodernes Instrument.

Die Sternwarte verfügte über einen Mechanismus, der es ermöglichte, das Dach zu öffnen und zu schließen. Durch diese Besonderheit konnte der Azimutal-Quadrant vor Wind und Wetter geschützt werden.

Die kostspielige Investition diente dazu, den Unterricht attraktiver und zeitgemäß zu machen und neue Schüler anzuwerben. Die Initiative, den Azimutal-Quadranten zu beschaffen, ging von einem Lehrer aus. Dieser wechselte jedoch später an eine andere Schule, und von dem Tag an wissen wir nichts mehr über den Verbleib des Quadranten.

4.7 Bauanschlag Gewächshaus beim Pädagogium, 1765

Das Bild zeigt einen Bauentwurf mit Material- und Kostenplanung für das Gewächshaus aus dem Jahr 1765

AFSt/W XV I 33

Die Planzeichnung gibt skizzenhaft ein Schulgewächshaus zu erkennen. Das Gewächshaus wurde für den sogenannten „Recreationsunterricht“ am Königlichen Pädagogium geplant und errichtet. Die Schüler sollten dort selbst mit der Aufzucht von Nutzpflanzen Erfahrung sammeln. So wurde Wissen im wörtlichen Sinn durch eigene Erfahrung erworben. Die Schüler lernten nicht nur über Pflanzen. Sie lernten an den Pflanzen. In der rechten oberen Bildhälfte zeigt ein Querschnitt des Gebäudes ein treppenförmig angelegtes Stufenregal, auf welchem die Pflanzen platziert worden sind. Auf der gegenüberliegenden Südseite waren die Fenster angeordnet, von denen eines ebenfalls als Planzeichnung zu sehen ist. Damit war für ausreichend Tageslicht gesorgt.

Der Bauauftrag zur Errichtung des Gewächshauses stammt aus dem Jahr 1765, also kurz nach Ende des Siebenjährigen Krieges. In dieser Zeit waren die Franckeschen Stiftungen in der Krise, es fehlte an Einnahmen, und auch an Schülern. Die kostspielige Investition in ein Gewächshaus, wie auch die in die Sternwarte, sollte sichtbar machen, dass am Pädagogium zeitgemäßer, moderner, attraktiver Unterricht stattfand. Dieser zeitgemäße Unterricht stellte damit auch eine gute Werbung für die Schule dar.

Auf der Planzeichnung ist ein sogenannter Bauanschlag zu sehen. Aufgelistet sind die einzelnen Bestandteile des Gewächshauses und deren jeweilige Kosten. Insgesamt schlug die Errichtung des Gewächshauses laut Bauanschlag mit 238 Reichstalern und 22 Groschen zu Buche – eine durchaus beträchtliche Summe.

4.8 Vorstellung eines Tisches und Banck wie solche in Paedagogio in denen Classen befindlich sind, wo bey zu mercken daß die Tische und Bäncke unterschiedene Höhen haben wie aus beystehender Tabelle zu sehen anno 1764 Mens Junii

Die Planzeichnung zeigt verschiedene Ansichten und Maßangaben einer Schulbank

AFSt/A 08/01/37

Dieser Bauanschlag vom Juni 1764 vermittelt ein recht genaues Bild des Schulmobiliars am Pädagogium. Zu sehen sind ein Schultisch und eine Bank in der direkten Ansicht sowie der Draufsicht. Gut zu erkennen, weil mit Großbuchstaben markiert, sind die einzelnen Bestandteile der Möbel. Wir haben es hier also nicht mit einem Fertigprodukt zu tun, sondern vielmehr mit einem recht einfach zusammensteckbaren System, ähnlich den IKEA-Möbeln unserer Tage. Der Zusammen- aber auch Abbau der Tische und Bänke war verhältnismäßig einfach möglich, was eine schnelle Veränderung des Mobiliars in den Schulzimmern ermöglichte: Je nachdem wie viele Schüler in einer Klasse zusammenkamen, konnte schnell hinzugefügt oder abgebaut werden. Die Zerlegbarkeit bot zudem den Vorteil einer platzsparenden Einlagerung.

Die Legende im unteren Bildbereich listet zudem auf, welche und wie viele Teile für die Konstruktion jeweils eines Tisches oder einer Bank vonnöten waren. Diese Angaben sorgten für eine planerische Sicherheit für den Fall, dass beispielsweise wegen Abnutzung neue Bänke oder Tische gebaut werden mussten. So konnte der Material und vermittelt darüber auch der Arbeitsaufwand gut bestimmt werden. Die Legende links oben verweist zudem auf den bereits angesprochenen Umstand, dass das Mobiliar verschiedenen Körpergrößen der Kinder Rechnung trug. Folglich wurden diese Bänke und Tische auch in unterschiedlichen Höhen gebaut.

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