Die Lehrer

August Hermann Francke war nicht nur Direktor des Halleschen Waisenhauses, sondern auch Professor an der Universität in Halle. Er bot zahlreichen Studenten, meist Theologiestudenten, Unterkunft und Verpflegung, sogenannte Freitische. Als Gegenleistung hatten diese an den verschiedenen Schulen des Waisenhauses zu unterrichten, auch am Königlichen Pädagogium. Diese praktische, anspruchsvolle Unterrichtserfahrung war für deren späteren Lebensweg als Geistliche und als Lehrer eine gute Vorbereitung. Das königliche Privileg wiederum stellte den jungen Lehrern besondere Berufschancen in Aussicht.

Betrachten Sie bitte zuerst das Schaubild 1 über das Alter der Lehrer am Königlichen Pädagogium. Dort lehrten keine ausgebildeten Lehrer, sondern junge Männer: Studenten der Universität Halle, viele kaum älter als 20 Jahre. Ihre Tätigkeit als Informatoren, wie die Lehrer im 18. Jahrhundert genannt wurden, war meist auf zwei Jahre begrenzt und diente vor allem der Finanzierung ihres Studiums.

Das Schaubild 2 zeigt ihnen, welche Lebenswege diese studentischen Lehrer nach ihrer Zeit am Pädagogium einschlugen. Mehr als 70 Prozent von ihnen fanden danach eine Anstellung als Geistliche, vor allem im Pfarrdienst. Die Lehrtätigkeit am Königlichen Pädagogium bereitete die zukünftigen Pfarrer bereits auf ihre spätere Verwendung vor. Als Lehrer wie als Pfarrer zählten sie in der Stände-Ordnung der damaligen Zeit zum sogenannten „Lehrstand“, der als Tätigkeit das Erziehen und Unterrichten von Schülern ebenso vorsah wie das Predigen vor der Gemeinde.

BFSt: FS.4: 728
Vor Ihnen liegt eine Verhaltensanleitung für Lehrer, mit welchen Mitteln sie für Disziplin im Schulunterricht sorgen sollten. Francke hat diese Schrift wohl 1713 verfasst, gedruckt wurde sie erst in der vorliegenden Quellenausgabe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Ordnung, Frömmigkeit, Fleiß und Gehorsam galten als höchste Erziehungsziele. Disziplin war dabei von zentraler Bedeutung. Sofern die Schüler solche Tugenden vermissen ließen, waren Strafen vorgesehen – doch nicht willkürlich, sondern nach klaren Regeln, zusammengefasst in 63 Punkten. Von den Lehrern verlangte man, ihren Schülern Vorbild zu sein und sie “väterlich” und mit “christlicher Sorgfalt” zu erziehen. Strafen sollten nicht an erster Stelle stehen, vielmehr sollten die Kinder durch Glauben und Frömmigkeit geprägt werden. Erst wenn dieser Ansatz scheiterte, waren Strafen unvermeidbar. Zunächst mussten die sogenannten „bösen“ Kinder drei Mal gewarnt und mündlich ermahnt werden. Außerdem sollten sie ihr Fehlverhalten und damit den Grund der Bestrafung verstehen, bevor eine körperliche Strafe folgen durfte.
Diese Strafen waren streng reguliert: Schläge auf den Kopf waren untersagt, ebenso das Schlagen mit Ruten oder anderen Gegenständen, das Ziehen an Haaren oder Armen. Kein Kind durfte auf die Knie gezwungen oder vor der Klasse bloßgestellt werden. Körperliche Strafen waren allerdings grundsätzlich erlaubt, doch nur als letztes Mittel und mit klaren Grenzen.
Auch für mündliche Strafen gab es Vorgaben. Die Lehrer durften nicht spöttisch sein, die Kinder nicht herabsetzen oder mit Tieren vergleichen. Ebenso sollte man nicht zu sehr mit Verdammnis, Höllenfeuer oder anderen göttlichen Strafen drohen, damit das Verhältnis der Kinder zu Gott nicht beschädigt wurde.
Eine Bedingung durchzieht alle Anweisungen: Das Kind musste seine Tat selbst eingestehen. In solchen Fällen sollte lediglich belehrt werden, nicht bestraft. Dieser Ansatz kann aus heutiger Sicht überraschend fortschrittlich wirken.

AFSt/H C 806 : 14
Den vorliegenden Brief richtete Otto Eberhard Olse im Jahr 1769 an Gotthilf August Francke, zu dieser Zeit Direktor der Franckeschen Stiftungen. Olse stammte aus eher einfachen Verhältnissen. Er wurde in Halberstadt als Sohn eines Torschreibers geboren, verlor aber früh beide Eltern. Mit fünfzehn Lebensjahren kam er in Franckes Waisenhaus, wurde Schüler der lateinischen Schule, der Latina, und fiel dort durch seine Frömmigkeit auf. Mit achtzehn Jahren begann er in Halle sein Studium, das ihm durch die Aufnahme in die Franckeschen Stiftungen, mit Verpflegung und Unterkunft, ermöglicht wurde. Als Gegenleistung dafür wurde er Lehrer, zunächst an der deutschen und der lateinischen Schule, ein Jahr später dann am Königlichen Pädagogium. Sechs Jahre lang lehrte er hier.
Olse wurde anschließend Pfarrer und war an mehreren Orten als Schulleiter tätig. Als er den vorliegenden Brief verfasste, war er Pastor in Burg in der Nähe von Magdeburg. Olse bittet Francke in seinem Brief darum, einen Jungen in das Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen aufzunehmen. Auch nach seiner Zeit als Schüler und dann als Lehrer in den dortigen Schulen hielt er ständig Kontakt nach Halle. Von diesen Netzwerken profitierten die Direktoren der Franckeschen Stiftungen auf vielfältige Weise. Unter anderem gewann man so auch zusätzliche Schüler für die eigenen Schulen.