Die Schüler

Die Schüler des Königlichen Pädagogiums stammten zumeist aus Familien des Adels oder hochrangiger Amtsträger in Regierung, Verwaltung und im Militär. Und sie wurden in ihrer Schulzeit auf vergleichbare Karrieren und Lebenswege vorbereitet. Im Schüleralbum sind alle Schüler verzeichnet. Ein Zensurenbuch präsentiert die Leistungen der Schüler. Und das Oratorienbuch enthält Festreden, die von den Schülern gehalten wurden, häufig auf Latein. Eine Abschlussprüfung wie heutzutage das Abitur war im 18. Jahrhundert noch unbekannt. Daher entschieden am Ende auch die Eltern über das Ende der Schulzeit.

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Sie stehen vor einem großen, eher unscheinbaren Buch. Doch dieses Buch dokumentiert über 140 Jahre Bildungsgeschichte. Hier sind die 3.488 Schüler aufgelistet, die zwischen 1698 und 1838 das Königliche Pädagogium in Halle besuchten.
Im Schülerverzeichnis sind Name, Alter, Herkunft, Aufnahmedatum – manchmal auch das Entlassungsdatum oder kurze Bemerkungen zu jedem Schüler verzeichnet. Diese nüchternen Daten erzählen bei genauerem Hinsehen die Geschichten junger Menschen, die für ihre Ausbildung nach Halle geschickt wurden. Sie sollten, ganz wie ihre Väter, die zukünftige staatliche Elite bilden.
Auf der aufgeschlagenen Seite sehen Sie die Einträge von sechs Schülern. Nicht alle Spalten sind ausgefüllt, solche Lücken sind typisch für beide Bände. Betrachten sie nun bitte den Eintrag mit der Nummer 2235: Heinrich Franz von Barner gehörte einer mecklenburgischen Adelsfamilie an. Im Oktober 1791 kam er mit 14 Jahren nach Halle. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Levin Joachim begleitete ihn. Für 18 Monate lernten die beiden am Königlichen Pädagogium.
Das Aufnahmealter der Schüler war sehr unterschiedlich. Zwischen 1770 und 1799 waren drei Viertel so alt wie Heinrich, also 14 Jahre. Insgesamt reichte die Spanne jedoch von 7 bis hin zu 22 Jahren. Man trat also nicht in einem bestimmten Alter ein und blieb bis zu seinem Schulabschluss, so wie es heute die Regel ist. Wie lange die Schüler am Pädagogium lernten, entschieden die Eltern. Durchschnittlich waren es knapp 29 Monate.

AFSt/S C V 227
„Er war stets bemüht…“. An solche Einträge im Grundschulzeugnis kann sich so mancher vielleicht noch aus seinen Schulzeiten erinnern. Im Zensurenbuch des Königlichen Pädagogiums sind keine Noten zu finden, sondern schriftliche Bewertungen, da auch Ende des 18. Jahrhunderts noch keine einheitlichen Zensuren existierten. Dabei diente das Zensurenbuch hier zur „Schmückung“, d.h. es wurden nur die besten und fleißigsten Schüler aufgeführt. Der Schüler Contessa bspw. wird dafür gelobt, dass er stets an sich gearbeitet und Dinge, die beim letzten Mal bemängelt wurden, nun vermieden habe. Trotz seines Fleißes fehlt ihm allerdings noch eine sichere Kenntnis der lateinischen Grammatik. Selbst die Besten der Besten haben also Schwächen.

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Sie blicken auf einen Aufsatz mit dem Titel „Vom Fall des Türkischen Reichs“, den der Schüler Friedrich Gottlieb Dreissig des königlichen Pädagogiums im Jahr 1736 verfasst hat. Es handelt sich hierbei um die Verschriftlichung einer Rede, die im Rahmen eines öffentlichen Examens vor Publikum vorgetragen wurde. Der Aufsatz findet sich in einer „Sammlung ausgewählter Reden“. Seit 1736 wurden solche Schülerreden systematisch gesammelt und in Bänden aufbewahrt. Die Arbeiten, die sich darin befinden, wurden von den Schülern verfasst, um ihr Können vor einem öffentlichen Publikum zu präsentieren.
Beim Durchblättern des Sammelbandes fällt sofort die Vielfalt ins Auge. Unterschiedliche Papiergrößen, Formate und Farben. Mal handelt es sich um dickeres, weißes Papier, mal um dünnes, leicht vergilbtes. Es wird deutlich: Dieses Buch stammt nicht aus der Feder eines Einzelnen, sondern ist nachträglich zusammengebunden worden.
Die überwiegende Mehrheit der Schülerarbeiten ist in makelloser Handschrift verfasst, so auch diejenige, die Sie gerade betrachten. Viele davon waren in Latein, der damaligen Bildungssprache Europas, gehalten, andere auf Deutsch, manche sogar auf Griechisch verfasst. Eine Rede ist gedruckt, die übrigen sind als Handschrift, mehr oder weniger sorgfältig ausgeführt.
Die Themen waren dabei vielfältig: historische und philosophische Reden wie „Gott durch Blumen kennenlernen“, außerdem Gedichte über die Verbindung zwischen Gott und der Natur sowie wissenschaftliche Auseinandersetzungen, wie etwa „Die lateinische Sprache ist für diejenigen nützlich, die kein öffentliches Amt anstreben“. Da das Reden in der Öffentlichkeit zu den notwendigen Qualifikationen eines Amtsträgers am Hof gehörte, wurden die Schüler mit Reden vor Schulpublikum auf ihre künftige Stellung vorbereitet.

AFSt/H C 433 : 68
Zwei Briefe aus der Feder des Grafen Erdmann Heinrich Henckel von Donnersmarck an August Hermann Francke verdeutlichen, dass die Dauer des Schulbesuchs am Königlichen Pädagogium und die erworbene Hochschulreife auch eine Frage gegenseitiger Verhandlungen war. Henckel von Donnersmarck fragt im Namen seines Schwagers, des Grafen Johann Christian von Solms-Baruth an, ob Francke dessen jüngeren Sohn zusammen mit dessen älterem Bruder bereits vor Ostern aus der Schule entlassen könne, und er bis dahin „schon mit Nuzen ein Academicus werden könnte“? Es folgen längere Ausführungen darüber, weshalb die beiden Söhne gerade auf dem Gut der Eltern dringend gebraucht würden. Francke möge sie daher mit einer Bescheinigung ihrer Studierreife nach Hause senden, so die Bitte des Briefschreibers. Da dieser zugleich ein langjähriger Förderer des Waisenhauses und der Schulen Franckes war, rechnete man sich offenbar Chancen aus, dass Francke dieser Bitte auch nachkommen würde, weshalb er als Onkel und eben nicht der Vater der Kinder diese Bitte vortrug. Im zweiten Schreiben fragt Henckel von Donnersmarck ein weiteres Mal nach, ob Francke gewillt sei, die „beyden Söhne, die sich bis her im Paedagogio befunden, in seiner des Herrn Professori Gegenwart examinieren zu lassen“. Der Briefschreiber versucht aber jeglichen Eindruck der Einflussnahme zu vermeiden, wenn er zugleich betont: „Welches Alles Herr Professor Francke nach der von Gott verliehenen Weisheit überlegen und der Sache einen Ausschlag geben wolle“. Da beide Söhne noch im selben Jahr in Wittenberg ihr Studium aufgenommen hatten, wird Francke dieser Bitte wohl entsprochen haben.

AFSt/A 08/01/09a
Wer das Königliche Pädagogium besuchte, war in der Regel Internatsschüler. Lehrer und Schüler wohnten gemeinsam im Schulgebäude. Im Untergeschoss des Hintergebäudes in der unteren Bildhälfte sind zwei Speisesäle eingezeichnet, die vier Tische enthalten, die mit den Buchstaben A bis D beschriftet sind. Im Obergeschoss – zu sehen in der oberen Bildhälfte - befindet sich ganz links noch ein weiterer Speisesaal mit dem Tisch E.
Für die Verköstigung im Internat standen verschiedene Tarife zur Auswahl. Die Eltern konnten entscheiden, ob sie für die Verpflegung 18 Pfennige, einen oder anderthalb Reichsthaler pro Woche bezahlen wollten. Danach richtete sich die Zuordnung zu den Tischen. Die Tische der unterschiedlichen Preiskategorien waren in verschiedenen Räumen untergebracht. Der teuerste Tisch A stand in einem zentralen Raum im Erdgeschoss, im Raum daneben die drei mittelpreisigen Tische B bis D. Der günstigste Tisch E war im Obergeschoss untergebracht.
Wer an welchem Tisch seine Speisen einnahm, hing also nicht vom geburtsständischen Rang der Schüler ab, ob sie also beispielsweise adelig waren oder nicht. Allein das gezahlte Schulgeld entschied darüber, ob den Schülern ein Internatsleben de luxe geboten wurde oder nicht. Im Jahr 1763 wohnten die meisten Internatsschüler in Dreierzimmern und aßen das mittelpreisige Menü. Nur wenige Schüler waren besonders luxuriös in Doppelzimmern untergebracht, ebenso wie nur wenige sich ein Viererzimmer teilten.
In einem Zweierzimmer wohnte Johann Ludwig Honig. Sein Vater war als Amtsrat in Rosenburg ein höherer preußischer Beamter, der zusätzlich das Amt Roßlau gepachtet hatte. Carl Georg Riedesel zu Eisenbach teilte sein Zimmer mit drei anderen Schülern. Der spätere Baron kam zwar aus einer alten hessischen Adelsfamilie, doch für ihn wurde scheinbar weniger Schulgeld gezahlt als für seinen nichtadeligen Mitschüler Johann Ludwig Honig. Auch bei den Mahlzeiten saß der bürgerliche Honig am teuren Tisch A, während der zukünftige Baron mit Tisch E im ersten Stock vorliebnehmen musste.